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In diesem Beitrag möchte ich dir eine Technik zeigen, die eigentlich gar keine ist. Sie ist letztlich eher eine Denkweise und Berechnung, mit der du das Garn „überzeugen“ kannst, das zu machen, was du möchtest.

Wovon ich spreche? Wer das Bild etwas eingehender betrachtet, wird erkennen, das die Mützen unterschiedlich wirken. Sie wurden aber mit identischem Garn gestrickt! Das Geheimnis lautet: Die Wolle wildert!

Doch was versteht man eigentlich darunter? Wie kann man wildern definieren?

Es ist letztlich eine Art des Strickens, bei der Abschnitte gleicher Farbe aufeinander treffen und Farbflächen bilden. Die Orientierung der Flächen kann dabei durch den Stricker bzw. die Strickerin selbst beeinflusst werden.

Wie du auf dem rechten Bild erkennen kannst, wirkt das Garn sehr unterschiedlich, aber ich verspreche dir, es ist wirklich identisch. Wer sich übrigens für das Garn interessiert, kann bei Stricklillys bunter Wolle einfach nach Jennifer Ruschinskis Wunschfärbung mit Neongrün fragen. Es war eine wunderbar weiche 6-fache Fine Merino Socks, die ich bewusst für eine Mütze habe färben lassen. Warum das wichtig ist, erläutere ich später in diesem Beitrag.

Legen wir doch zuerst einmal los mit der Wahl des Garnes. Die schlechte Nachricht zuerst: die meisten normal kringelnden industriell gefärbten Sockenwollen wildern nicht (bzw. in keinem Maßstab, der interessant wäre).

Die gute Nachricht: sehr viele handgefärbte Garne wildern! Und auch einige Industrieknäuel. Das sind die, die auf der Banderole dann einen Socken zeigen, der wie die rechte Mütze wirkt. Wenn du nun aber nicht extra für das Wildern eine Wolle kaufen möchtet, kannst du in deinem Vorrat bestimmt etwas passendes finden. Es gibt eigentlich nur 2 ausschlaggebende Punkte, die du dabei beachten solltest.

Die Färbemethode

Wild gefärbte Garne mit bunten Stellen sehen fantastisch aus. Diese werden im Anstrick aber eher meliert wirken. Für das Wildern ist ein Garn nötig, welches über Farbflächen verfügt. Hier beides Färbearten im Vergleich:

Dieses Garn ist wunderschön - wird aber nicht wildern.
Auch dieses Garn ist toll - und es wird wildern.

Außerdem musst du das Garn entsprechend zum Projekt wählen. Die gezeigte rechte Wolle wird bei Socken und auch bei Mützen wildern. Stell dir nun vor, die Wolle hätte eine der beiden gelben Farbflächen in einer anderen Farbe, nehmen wir grün. Dieses Garn würde bei einer Mütze auch wildern (Also 4 Farbflächen: gelb-lila-grün-lila ergeben), bei Socken nicht. Stattdessen würde bei Socken ganz gewöhnlich die Lilane Fläche entstehen, während sich grün und gelb kombinieren würden. Das Ergebnis würde in etwas so aussehen (Zum Programm, mit dem ich das Muster erzeugt habe, erzähle ich dir später mehr.):

Das Muster sieht auch interessant aus, ist aber eben kein richtiges Wildern. Es kann unter Umständen sehr unruhig wirken.

Deshalb rate ich „Wilder-Anfängern“ immer zum Strang mit jeweils gegenüber liegenden Farbflächen. Bei 4 Flächen wird das wildern eher „ruhig“, die Socken haben dann nur 2 Farbabschnitte, Mützen z.B. 4 Abschnitte mit jeweils 2 gleichen Farben.

Fortgeschrittene können auch Stränge mit mehr Farben (6 oder 8) nehmen, solange diese sich gegenüber liegen.

Die Stranglänge

Jetzt kommt ein kleines bisschen Theorie dazu. Die unterschiedlichen Garnhersteller haben alle unterschiedliche Stranglängen. Es kann dir nun passieren, dass dein Garn eine zu große Stranglänge für dich hat. Wie du es unter Umständen doch zum Wildern bekommst, erkläre ich dir unten. Den Unterschied zeige ich dir rechts. Du strickst mit einem Garn, dass die perfekte Stranglänge für dich hat, dort ist das Garn genau zur Hälfte verstrickt, wenn du eine Runde in der Socke gestrickt hast. Bekommst du nun ein Garn, welches einen längeren Strang hat, wird deine Runde zuende sein, ehe die Farbe wechselte. Das bedeutet, dass du dann insgesamt starke Versätze im Muster bekommst – also Kringel.

Bestellst du bei einem Handfärber, sag dazu, dass du gerne wilderndes Garn möchtet. Fast jeder Färber verfügt über eine für dich passende Qualität. Ein Strang High Twist hat z.B. meist einen kleineren Umfang als normale Sockenwolle. Und hier gilt auch: never change a running system. Hast du einen Färber gefunden, der bei deiner Maschenzahl optimal wilderndes Garn liefert, bleib dabei. Dann musst du nämlich nicht erneut die Vorarbeit machen. Wenn dich das nicht stört, kannst du natürlich bei jedem Hersteller bestellen.

Färbst du selber, solltest du zunächst verschiedene Qualitäten und Stranglängen austesten. Hast du das Material gefunden, dass bei dir optimal wildert, solltest du dabei bleiben. Hier gilt aber: Verkaufst du das Garn, solltest du klären, ob du mit der Strickfestigkeit im Mittelfeld liegst. Strickst du besonders fest oder locker, kann es sein, dass das Garn nur bei wenigen anderen wildern wird. Und die Diskussion möchtest du ja vermutlich vermeiden.

Jetzt geht es an's Eingemachte - Die Berechnung der Maschenzahl

Damit dein Garn wildert, musst du es zunächst genau unter die Lupe nehmen. Du musst hier keine Maschenprobe machen. Aber: Du musst mit der gleichen Nadel stricken wie das künftige Projekt, und in der gleichen Technik mit demselben Muster. Willst du wie hier erläutert in Runden stricken, musst du deine Probe auch in Runden stricken.

Betrachte zunächst das Garn und präge dir die Farbwiederholung ein. Für meine Mützenwolle war das grün-grau-grün-blau. Für den Strang hier im Artikel wäre das gelb(1)-lila(1)-gelb(2)-lila(2). Merke dir, dass du die beiden Farben separat zählen musst! Also gelb(1) und gelb(2) separat, dasselbe gilt für lila.

Schlage dafür einige Maschen an (20 oder mehr) und schließe sie zur Runde. Stricke nun, bis du beim Beginn einer neuen Farbwiederholung angekommen bist. Stricke weiter in der Runde und zähle die Maschen.

  • Beispiel 1: Mützengarn
  • grün: 15 Maschen
  • grau: 26 Maschen
  • grün: 16 Maschen
  • blau: 24 Maschen
  • Beispiel 2:
  • gelb(1): 28 Maschen
  • lila(1): 32 Maschen
  • gelb(2): 29 Maschen
  • lila(2): 31 Maschen

Wiederhole dies nun für 3 bis 4 Farbwiederholungen. Bilde dann einen Mittelwert daraus (Rechne alle Maschen einer Farbe zusammen und teile sie durch die Anzahl an Wiederholungen, die du gestrickt hast).

Wie du siehst, sind die Farbabschnitte nicht immer identisch groß. Das ist aber nicht schlimm, beim Stricken sorgt das für einen leicht verlaufenen Effekt. Diesen kannst du links am Beispiel meiner Mütze gut erkennen. Ich finde gerade das beim Wildern sehr schön, da es dadurch fließend wird.

Mit dem eben berechneten kannst du nun dein Projekt vorbereiten. Rechne dafür die Gesamtzahl an Maschen pro Wiederholung zusammen, für das Mützengarn wären es 81 Maschen, für den Strang sogar 120! Da ich die Mütze zum Wildern bringen wollte, habe ich einen Wert nah bei 81 genommen, nämlich 84. Würde ich den Strang aus Beispiel 2 zu Socken verarbeiten, bräuchte ich natürlich nicht die ganze Farbwiederholung mit 120 Maschen, sondern nur die Hälfte. Das wären dann genau 60 Maschen, also optimal für Socken!

Strickt man genau die für das Garn optimale Zahl, werden die Farben direkt übereinander liegen, also senkrechte Farbflächen bilden. Passt das nicht zu meinem Projekt, oder möchte ich es anders, gibt es ein Tool, mit dem ich „vorhersagen“ kann, wie das Ergebnis aussehen wird. Dieses möchte ich euch nun vorstellen.

Planned Pooling - Ein Programm, das Garn zu knechten

Auf der Webseite www.plannedpooling.com wird dir nach dem Zählen die Arbeit abgenommen. Mit einem Klick auf das Farbfeld kannst du die Farben entsprechend deiner Wolle anpassen, die Maschenzahl fügst du daneben ein. Hast du mehr als die vorgegebenen 2 Farben, kannst du über „Add a color“ die Farben hinzufügen. Bitte denke auch hier daran, für den Beispielstrang gelb(1) und (2) und lila(1) und (2) einzeln einzutragen, auch wenn sich die Farben wiederholen.

Bei „Stitches in a row“ gibst du deine für das Projekt gewünschte Maschenzahl ein. Darunter wählst du bitte „Circular (in the round) knitting“, also „In Runden stricken“. Die andere Möglichkeit wäre in Reihen, auch da kann Garn wildern, das wird aber ein separater Beitrag werden.

Ich habe nun 2 Beispiele gemacht, die genau den beiden tatsächlichen Mützenmodellen entsprechen. Einmal mit 96 Maschen und einmal mit 84 Maschen.

Wie du sehen kannst, ist die „Vorhersage“ nahezu perfekt:

Natürlich geht das auch ohne Programm, allerdings muss man da etwas probieren oder es auf Papier aufmalen. Grundsätzlich gilt:

    1. Ist die Maschenzahl = der (halben oder ganzen) Farbwiederholung -> senkrechtes Wildern
    2. Ist die Maschenzahl größer als die (halbe oder ganze) Farbwiederholung -> Diagonales Wildern nach rechts geneigt
    3. Ist die Maschenzahl kleiner als die (halbe oder ganze) Farbwiederholung -> Diagonales Wildern nach links geneigt
    4. Ist die Maschenzahl deutlich größer als die (halbe oder ganze) Farbwiederholung -> Kringel nach rechts geneigt
    5. Ist die Maschenzahl deutlich kleiner als die (halbe oder ganze) Farbwiederholung -> Kringel nach links geneigt

Hier fällt eines auf: Anhand der Kringel kann man erkennen, ob man fürs Wildern mehr oder weniger Maschen benötigt. Sind sie nach rechts geneigt, braucht man weniger Maschen, nach links geneigte Ringel zeigen, dass mehr Maschen nötig sind.

Die Englische Bezeichnung

Im Englischen wird „Planned Pooling“ für zwei Methoden benutzt. Zum einen für das hier beschriebene Wildern. Zum anderen für für das absichtliche Versetzen von Farben, um Schottenmuster zu erzeugen. Im Deutschen hat sich hingegen Wildern durchgesetzt, die Bezeichnung „Planned Pooling“ nutzen wir hier nur für die zweite Methode.

Ich habe alles beachtet - trotzdem wildert mein Garn nicht. Was nun?

Keine Sorge, in den meisten Fällen gibt es eine einfache Lösung, die aber auch mit Kompromissen zu tun hat.

  • Schau zunächst, warum die Wolle nicht wildert. In welche Richtung neigen sich die Kringel? Daraus kannst du schließen, ob du mehr oder weniger Maschen brauchst. Hast du 2 Farben, die sich überlappen? Dann überprüfe, ob die Farben sich im Strang gegenüber lagen, wenn ja, entspricht das dem Beispiel mit gelb und grün ganz zu Beginn.
  • Nutze andere Nadeln! Mit einer größeren Nadelstärke wirst du weniger Maschen benötigen in einer Farbe. Natürlich wird auch das Projekt damit größer, finde dort einfach deine optimale Kombination.
  • Möchtest du z.B. unbedingt Socken aus einem Garn stricken, was einen Farbrapport hat, der über 75 Maschen geht, nimmst aber sonst immer 64 Maschen? Auch da gibt es einen Trick. Probiere es zunächst mit linken Maschen, diese benötigen immer mehr Garn als rechte. Das kannst du auch an der wildernden Mütze sehen. Im Bündchen macht es noch Kringel, während es dann im glatt rechten Teil zu wildern beginnt. Arbeite also z.B. „3 re, 1 li“. Kommst du dann immer noch nicht an den Farbrapport heran, arbeite 1 oder  2 Zöpfe in den Socken ein. Und schwupps – es wildert.
  • Ich hab ein großes Projekt vor, kann ich auch deutlich mehr Maschen nehmen als ich ausgezählt habe? Ja natürlich. Achte darauf, dass du ein Vielfaches der ausgezählten Maschenzahlen nimmst. In meinem Mützenbeispiel wären es z.B. 162 oder 243 Maschen. Bei dem Strang wäre in Vielfaches von 60 oder wer es ganz genau haben möchte von 120 nötig. Bedenke aber: Bei einem Oberteil werden die Farben dann häufiger vorkommen, das wildernde bleibt ja immer gleich breit. Es kommen nur Wiederholungen dazu.
  • Du hast Industriegarn und weißt nicht, wie du das Auszählen sollst? Zieh dafür zunächst einiges an Faden heraus, und leg ihn flach hin. Wenn du nun Wiederholungen erkennst, bringe diese in Deckung. Wiederhole das in der Runde. Du siehst nun, wie die Farben aufeinander treffen, das Garn liegt dann wie in einem Strang.
  • Hilfe! Mein Garn hat gewildert, aber jetzt passt das nicht mehr. Woran liegt das? Und was kann ich tun? Das kann 2 Ursachen haben. Hast du das Projekt länger liegen gelassen? Dann kann es sein, dass du jetzt – Wochen oder Monate später – fester oder lockerer strickst, dann hat dein Auszählen von damals keinen Nutzen mehr. Versuche, die Neigung der neu gestrickten Kringel herauszufinden, und stricke entsprechend lockerer oder fester. Die zweite Ursache kann die Wolle sein. Färben ist keine hundertprozentig exakte Wissenschaft. Farben laufen ineinander und sind in manchen Runden schmaler oder breiter. Aufgrund der Strangform kann es auch passieren, dass die Stranglänge sich minimal ändert, das würdest du auch sehen. Das ist übrigens auch in der rechten Mütze passiert. Wenn du genau schaust, mustert sich die Mütze etwa ab einer Zeile über dem Wort Video (siehe unten) anders. Hätte dieser Wechsel in der wilderndem Mütze stattgefunden, wäre die Neigung der Wilderung steiler geworden, also etwas näher zu senkrecht. Was kannst du in dem Fall machen? Etwas fester oder lockerer stricken ist hier die Lösung. Ist beim Strang z.B. eine ganze Farbe versetzt, weil es beim Färben eine Schlaufe gab, wickel das ab und setze das Garn an der korrekten Stelle neu an.
  • Es will einfach nicht: Auch das kommt vor. Du willst unbedingt genau DIESE Wolle zu der Socke in der Größe verarbeiten. Das ist manchmal trotz aller Tricks nicht möglich. Wenn die Stranglänge viel zu groß ist, oder du einfach zu fest oder locker strickst, überlege dir eine andere Kombination. Nutze das Garn lieber für eine Mütze oder ein Tuch und schaue, dass du für genau dein Projekt ein Garn mit passender Stranglänge findest. Wie gesagt, die perfekte Kombi zu finden kann dauern, aber es lohnt sich!

Und natürlich habe ich dieses Tutorial auch noch mal anschaulich auf Youtube:

Ich danke dir, dass du mein Tutorial durchgelesen hast. Ich hoffe, ich konnte dir einiges beibringen und wünsche dir viel Spaß beim Nacharbeiten. Findest du diese Art von Tutorial gut? Gibt es etwas zu verbessern? Dann lass es mich bitte in einem Kommentar wissen. Ich würde mich sehr freuen!

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Toll beschrieben aber für mich persönlich „whau, ist das kompliziert, das bring ich nie hin.
    Das kann nur Jennifer so perfekt in die Reihe/Runde bringen“
    😁❤

    1. Ach Quatsch, das bekommt wirklich jeder hin ♥ Man muss nur ein bisschen zählen und üben, dann klappt das!

  2. Super erklärt

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